Kommentar: Gaffer am Einatzort

In Ulm hat ein potenzieller Ersthelfer sich anders entschieden: statt einem 29-jährigen verunglückten Motorradfahrer zu helfen, hat er das Handy gezückt – und gefilmt.* Bei Aschaffenburg platzt einem Feuerwehrmann der Kragen – und er beglückt die filmenden Gaffer mit einer unfreiwilligen Dusche.**
Mich hat das an eine unserer Einsatzübungen erinnert:

Im April 2016 wurden vom Piepser ans Satteinser Baggerloch gerufen, wo zwei Personen im Wasser trieben. Als zusätzliche Herausforderung für unsere Einsatzkräfte waren ca. 20 für die Übung engagierte schaulustige Teenager vor Ort. So viele Zuschauer waren wir nicht gewohnt und es war für die Einsatzleitung gar nicht so einfach, die wirklichen Zeugen herauszufinden. Nur so kann aber geklärt werden, wieviele Personen überhaupt vermisst sind. In diesem Fall fand die Einsatzleitung heraus, dass zusätzlich zu den zwei treibenden Personen eine weitere vermisst wurde.

Als Truppführer für die Taucher war ich für die Kommunikation zwischen den Tauchern und der Einsatzleitung zuständig und gehörte somit zum Landpersonal, wo ich bald in Kontakt mit den Schaulustigen kam. Bisher hatte ich in ähnlichen Fällen auf die Einsatzleitung verwiesen und wurde von den (meist erwachsenen) Darstellern dann auch meist in Ruhe gelassen. Zumal ich auch immer offensichtlich ‚etwas zu tun hatte‘, wie eben beispielsweise ein Tauchgerät anlegen, oder ins Wasser gehen. Dieses Mal stand ich aber am Wasser und wartete auf das Auftauchen meines Trupps und ließ meine Augen über den See schweifen, tat also nichts Offensichtliches. Unsere Schaulustigen versuchten, meine Aufmerksamkeit zu gewinnen und mich auszufragen; als ich sie konsequent wegschickte und an die Einsatzleitung verwies, zogen sie sich schließlich zurück, und begannen, Fotos zu machen. Dies freute mich als Schriftführer sogar, denn gute Fotos können wir immer für die Homepage brauchen. Außerdem konnte ich endlich in Ruhe arbeiten.

Als wir das dritte Opfer schließlich geborgen hatten und die Übung beendet war, ging’s zur gemeinsamen Nachbesprechung. Noch direkt am See fragte ich die ‚Schaulustigen‘ (Mitglieder einer anderen Abteilung) ob sie mir bitte ihre Fotos zuschicken könnten. Wieder im Warmen war ich geschockt, was ich zu sehen bekam:

Nicht auszudenken, wären diese Bilder nicht auf meinem Computer, sondern bei einem realen Einsatz von realen Schaulustigen via facebook & co ins Internet gepostet worden – mit realen Opfern! – und realen Angehörigen …
Als ich meine Sprache wiedergefunden hatte, unterhielt ich mich mit unseren Schaulustigen-Darstellern: Sie waren nur beauftragt worden, uns auf die Nerven zu gehen. Als dies langweilig wurde, taten sie, was sie „in Echt auch getan hätten“, schließlich erlebe man sowas nicht alle Tage. Das machte mich irgendwie noch sprachloser.

Seither habe ich mir viele Gedanken zu Schaulustigen, Gaffern und Leserreportern gemacht und auch mein eigenes Verhalten reflektiert. Ja, es fällt auch mir schwer, nicht hinzuschauen, wenn irgendwo ein Unfall passiert. Deswegen schaue ich bewusst hin – und überlege, ob und wie ich helfen kann. Im einen Fall helfe ich – oder biete meine Hilfe an, im anderen gehe ich weiter.

Vielleicht ist das auch ein guter Gedanke für uns freiwillige Helfer: wenn wir Schaulustige mitanpacken lassen, ist das doch so gesehen viel spannender als zu filmen. Als erstes fiele mir da zum Beispiel ein Absperrband ein, oder ein Sichtschutz, …

Und wer daran Gefallen findet, dem drücke ich dann gerne einen Flyer in die Hand, wie man bei uns Mitglied werden kann.

Links & Quellen:
* Der Spiegel: Gaffer filmt sterbenden Motorradfahrer
** Süddeutsche Zeitung: Unfall auf A3 – Feuerwehr spritzt auf Gaffer
außerdem: Süddeutsche Zeitung: Sind wir alle Gaffer?

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